Das große Spektakel

Zwischen Vernunft, Glaube und Aberglaube – Der blinde Fleck des Informationszeitalters

MICHAEL ALLHOFF

“Fake News” und die so genannte “Filter Bubble” gelten als Indizien einer modernen Kultur des Irrationalen. Angesichts des Niedergangs im Mainstream-Journalismus, dem fortschreitenden Propagandakrieg in Sozialen Netzwerken und der Dauerbefeuerung mit Content auf Smartphones ist eine neue bodenständige Vernunft gefragt.

Die Hellseherin, die Deutschland die Zukunft vorhersagte, heißt Carolin Bieg und hat sich bei Altea an der Costa Blanca zur Ruhe gesetzt. Mit ihrer Kristallkugel als Konzentrationshilfe hat sie Prominente beraten und im Fernsehen zu Sylvester das neue Jahr gedeutet. „Es ist für mich ganz real“, sagt Carolin Bieg, „ich verfüge über eine Art siebten Sinn, der mich Ereignisse vorhersehen lässt.“

Der Magier, der Kinder wie Manager das Staunen lehrt, heißt David Copperfield und kann – davon sind seine Fans überzeugt – fliegen, Dinge verschwinden lassen und durch Wände gehen. Die ausverkauften Vorstellungen des berühmtesten Illusionisten der Gegenwart füllen in Europa und den USA ganze Stadien.

Der Mann, der Banken bei der Optimierung der Performance helfen soll, heißt Richard Peterson und hat in Hunderten von Hirnscans mit Magnetresonanztomografen durchleuchtet, was in den Köpfen von Aktienhändlern vor sich geht, die mit Millioneninvestitionen jonglieren. Das Fazit des Psychologen der Stanford University: „Selbst wenn wir uns fest vornehmen, uns von der Vernunft leiten zu lassen, können wir unsere Gefühle nicht ausschalten.“

Die neue Kultur des Irrationalen

Ob Wahrsagerei, Zaubertricks oder wissenschaftlich verbrämte Prognosen für die Börse – die Zahl vermeintlich aufgeklärter Zeitgenossen, die einer Kultur des Irrationalen anhängen, ist groß und wächst. Millionen von Zeitungslesern studieren täglich ihr Horoskop. Zehn Prozent aller Deutschen, so sagen Meinungsforscher, glauben an Hexen. Doppelt so viele interessieren sich für fernöstliche Religion. Ein Viertel aller Bundesbürger beschäftigt sich regelmäßig mit Astrologie und Horoskopen.

40 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt. Airlines lassen heute aus schlechten Erfahrungen mit abergläubischen Fluggästen schlicht die Sitzreihe 13 aus. Simple Bauernregeln (Genauso wie der Juli war, wird nächstes Jahr der Januar) werden Satelliten zum Trotz als Leitfaden zur Vorhersage des Wetters gehandelt. Tarot-Karten und Traumdeutung erfreuen sich höchster Beliebtheit, gefolgt von Feng-Shui. Man muss auch mathematisch nicht sonderlich begabt sein, um zu erkennen, dass Lotterie-Einsätze beim spanischen “El Gordo” oder deutschen “Spiel 77” keine intelligenten Geldanlagen sind. Sind wir denn von allen guten Geistern verlassen?

Die Macht der Märchen und Mythen

Romane wie „Der Herr der Ringe“ von Tolkien oder T. Rowlings „Harry Potter“ stürmten internationale Bestsellerlisten. Nostradamus feiert heute auf dem Buchmarkt sein Comeback, 500 Jahre nach seinem Tod. Hollywood bedient diesen Markt des Wundersamen mit Kassenknüllern, in denen jenseits physikalischer Gesetze alles möglich zu sein scheint. Die „Matrix“-Trilogie mit Keanu Reeves in der Hauptrolle, der Thriller „Next“ mit Nicolas Cage und selbst die in Technicolor aufbereiteten Marvel-Comics der 60er Jahre – Superman, Spiderman, Catwoman – zeugen als inszenierte virtuelle Welten von der Macht der Märchen und Mythen in unserer modernen Welt.

Es hat sich nach 200 Jahren der Aufklärung ein seltsamer Graben aufgetan. Während sich die Wissenschaft auf Arbeitsfeldern wie Informatik, Medizin, Biotechnologie, Neurologie, Chemie oder Astrophysik angesichts immer neuer Entdeckungen schier überschlägt, macht sich beim Volk die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen breit, dem Unerklärten und Unerklärlichen.

Träumer haben echten Visionären einen schlechten Ruf gegeben

„Von jeher hat Aufklärung das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“, schreiben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als ersten Satz ihres berühmten, 1947 veröffentlichten Werks „Dialektik der Aufklärung“. Das Buch entstand angesichts eines zur Perfektion getriebenen Terrors des Nationalsozialismus.

„Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, warnten damals Horkheimer und Adorno vor der Gefahr einer Herrschaft der Unvernunft. „Auf früheren Stufen war der Aberglaube der wie immer unbeholfene Versuch, mit Fragen fertig zu werden, die damals anders und vernünftiger sich nicht hätten lösen lassen“, notierte Theodor W. Adorno in „Aberglauben aus zweiter Hand“. Seine Gesellschaftskritik richtete sich an Menschen, die nach der Aufklärung des 18. Jahrhunderts hinter den erreichten Stand des Wissens über Mensch, Natur und Kosmos zurückfielen.

Informationsüberflutung als Herausforderung

Doch angesichts eines Übermaßes an Information über alles und jeden entsteht bei zunehmend mehr Menschen Verwirrung. Wir stehen an einem Moment, an dem viele den Glauben an die Wissenschaft zu verlieren beginnen und den Verdacht hegen, dass Technik zwar rational, aber nicht unbedingt vernünftig ist. Tatsächlich kann heute nur noch ein winziger Teil der Welt aus erster Hand beurteilt werden.

Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog.

Es ist die eigentliche Herausforderung unseres Zeitalters: Millionen von Informationen so zu verarbeiten, dass die Vernunft dabei nicht auf der Strecke bleibt. Denn von den Medien, ganz besonders vom Internet, wird jeder Einzelne mit Informationen überschüttet. Als die „Gesellschaft des Spektakels“ hat der französische Künstler und Philosoph Guy Debord in den 60er Jahren eine Ordnung kritisiert, in der die Realität von einer Scheinwelt aus Werbung, Klischees und Propaganda überlagert worden ist.

„Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog.“ In seiner Kritik an der Idee eines immer währenden Wirtschaftswachstums skizziert Debord, wie sich in westlichen Demokratien Technokratie und Wirtschaft verselbstständigen und das Individuum zunehmend in seiner Freiheit bedrohen.

Nun waren Politik und Wissenschaft von jeher nicht immer und ausschließlich rational. Was heutzutage zu schaffen macht, so Medientheoretiker, ist die Widersprüchlichkeit der Daten, die scheinbar gleichwertig und wie austauschbar geliefert werden. Beispiel Irak: Da war ein Krieg aufgrund von Geheimdienst-Dossiers zu nachweisbaren Massenvernichtungswaffen begonnen worden. Die offizielle Darstellung stellte sich nur ein Jahr später als falsch heraus. Mit den blutigen Folgen dieser Propaganda-Lüge – dem dschihadistischen Terror – haben westliche Gesellschaften bis heute zu leben.

Wissenschaftskritik im Fokus

Beispiel Atomkraft. Einerseits erklären Hunderte von Wissenschaftlern, dass Atomkraftwerke notwendig sind und sicher. Andere Hundertschaften derselben wissenschaftlichen Zunft argumentieren ebenso rational, das Atommeiler überflüssig und gefährlich seien.

Beispiel Globalisierung. Jahrzehntelang galt der Freihandel als Grundlage allgemeinen Wohlstands. Heute spekulieren zunehmend mehr US-amerikanische Ökonomen über die Errichtung von Zollbarrieren zur Reduzierung des Defizits in der Außenhandelsbilanz.

Es scheint, als würde das, was man einst den gesunden Menschenverstand genannt hat, zunehmend abhanden kommen. Wenn Engel Konjunktur haben, dann ist das die Kehrseite der Aufklärung. Der spirituelle Markt mit seinen vielfältigen Angeboten boomt. So erzielt der esoterische Buchmarkt seit Jahren bis zu zweistellige Zuwachsraten. Fast alle großen Verlage in Europa haben Esoterikreihen aufgelegt. Für bodenständige Konsumenten mögen Engelskarten, Kristallkugeln, Altare fürs Heim, Pendel oder Tarotkarten kein Kaufanreiz sein.

Der Fortschritt macht das Leben für unsere Muskeln leichter, aber nicht für unser Gehirn

Doch die Nachfrage ist offensichtlich da. Wie auch die Sehnsucht nach praktischer Lebenshilfe. In Dutzenden von Kursen und Meditationskreisen lässt sich Meditation lernen. Seminarzentren bieten Chakren-Ausgleich und Mantra-Singen, hawaiianische Kahuna-Heilung, Bachblüten-Therapie und spirituelle Lichtarbeit oder schlicht Kurse unter dem Titel „Esoterik für Einsteiger“. Ob Reiki oder Familienaufstellung – kaum eine der gerade in München, Zürich, Wien oder San Francisco im Trend liegenden Techniken zur Bewusstseinserweiterung, Heilung und Ganzwerdung braucht sich über einen Mangel an Adepten zu beklagen.

Gefühlte Aktienwerte

Das Potenzial der Branche wird allein dadurch gebremst, dass der Begriff „Esoterik“ nach wie vor meist negativ besetzt ist. Von Scharlatanen berichten Kenner der Szene. Es gebe keine Qualitätsbeurteilungen und keine Gütesiegel á la Stiftung Warentest. Es sei ein Marktsegment, dass sich per se jeglicher rationaler Beurteilung entziehe.

Carolin Bieg gibt ihre Weisheiten in Kursen weiter. Der Magier David Copperfield tritt weiter in Las Vegas auf. Und der Hirnforscher Richard Peterson hat ein Computerprogramm geschrieben, das im Internet alle Finanz-News durchforstet und auswertet. Seine Software wertet positive und negative Einschätzungen von Aktien aus. Immer wenn die subjektive Skepsis gegenüber einem Wert nachlässt, kauft sie ihn automatisch.

Das Programm, so Peterson, macht einen Viertelprozent realen Gewinn.

 

 

 

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