Driften auf Adrenalin

Mekka der Motorsportler: Fahrer des „Club Automovilismo Torrevieja“ trainieren Sliden auf der Rennstrecke von Jumilla

Michael Allhoff

Helm auf, einsteigen, angurten… Da geht´s schon los! Lubomir Hristov steuert auf die Piste und gibt sofort Vollgas. Der getunte Motor des Mercedes 190 röhrt knatternd auf. Der Pilot schaltet hoch, beschleunigt weiter, bremst, schaltet knallhart runter in den zweiten Gang, lässt die Kupplung kommen, kurbelt am Lenkrad, zieht die Handbremse. Da driftet das Auto seitlich quer zur Fahrtrichtung durch die erste 180-Grad-Kurve der Rennstrecke von Jumilla. Der Fahrer kuppelt wieder, tritt das Gaspedal durch: Kurve auf Kurve geht das weiter so.

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Die Fliehkräfte zerren mit aller Wucht an mir. Der Horizont verwischt. Draussen, hinter der Windschutzscheibe drehen sich wie im Zeitraffer Asphalt, der Himmel, die Berge, das Weiß der Wolken und der Rest der Welt. Im Innern des Rennautos blicke ich auf nacktes Blech – keine Verkleidung, keine Armaturen, die Seitenfenster fehlen. Alles Unnötige in der Fahrgastzelle hat Lubomir abgeschraubt und ausgebaut.

Ein Höllenritt

Der Sound ist abgefahren: Das Gummi der Hinterreifen jammert, quietscht und wimmert in jeder Kurve des „Circuito“. Es riecht nach abgebranntem Reifen, nach Motoröl und Benzinabgasen. Alle Pötte brüllen giftig auf, wenn der Pilot den Motor seines schwarzen Mercedes in den Geraden auf über 6.500 Umdrehungen beschleunigt. Der Drei-Liter-Sechszylinder mit 187 PS lässt das Auto über die Rennstrecke brettern. Es ist ein ziemlich durchgeknallter Höllenritt.

Nach fünf Runden ist Schluss mit der Gaudi. Neue Hinterreifen sind fällig, die alten sind durch. „Los hemos quemado“, lacht der Drifter, wir haben sie durchgebrannt… Lubomir Hristov fährt die Boxen an. „Der Sport macht süchtig“, sagt der Vorsitzende des „Club Automovilismo Torrevieja“ (CAT). Mit seinen Kumpels vom Autoclub ist der junge Spanier mahrmals im Jahr auf der Finca de Olmos, im Hinterland der Costa Blanca westlich von Murcia gelegen. Das ist eine der wenigen Rennpisten in Spanien, die Drifting erlauben. „Wir fühlen uns hier wie zuhause“, sagt der Transporteur aus Pilar de la Horadada.

Aus Passion zum Motorsport hat er zusammen Gorka Campos den Verein gegründet. Bei der Präsentation des Clubs in der Sportstadt von Torrevieja war Castor Ortega mit seinem Ford Escort MK1 da, ein Profi-Fahrer und mehrfacher valencianischer Rally-Meister. Das Team der Werkstatt Talleres Sances kam mit drei automobilen Raritäten, darunter Oldtimern. Der Gründer von Ferien-Apartments Fresno wummerte in seinem Lamboghini Aventador an, einem Supersportwagen mit über 700 PS. „Wir wollen allen Auto-Liebhabern ein Dach bieten“, sagt Lubomir Hristov, „egal ob Fans von Oldtimern, Rennboliden, Driftern oder Rally-Fans.“

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Der gebürtige Bulgare ist aufgewachsen an der Mittelmeerküste. Und schwärmt vom Schleudern: Auf seinen Videos auf YouTube driftet er absolut kontrolliert durch Serpentinen auf kurvenreichen Bergstrecken. Hunderte Fans haben sich die atemberaubenden Filmdokumentationen angeschaut. Gorka Campos, der Taxi-Fahrer aus Torrevieja, ist im Herbst letzten Jahres in den Sport eingestiegen. „Es ist brutal“, sagt er beim Wechseln der Reifen an seinem metallic-blauen BMW. „Du lernst das Driften Runde für Runde, aber wenn du das erste Mal mehrere Kurven im Schleudern genommen hast, wenn du das Auto kontrollierst, obwohl es schier nicht kontrollierbar um die Achse schliddert, das ist ein fazinierendes Gefühl!“

Am Start brummen und bumpern fett und laut die Motoren der nächsten „tanda“ an Autos, deren Piloten auf grünes Licht für die Rennstrecke warten. Die Luft flimmert über den weiß-roten Reifenwällen, der Sicherheitsbegrenzung entlang der gesamten rund zwei Kilometer langen Strecke. Dann liefern sich bereits ein weißer BMW mit der Aufschrift „Hooligan“ und ein roter Toyota aus Cartagena das nächste Zweier-Rennen. Auf Armeslänge Entfernung schleudern die Autos durch die lang gezogene Südkurve der Rennstrecke von Jumilla. Von der Zuschauertribüne aus verfolgen Freunde, Ehefrauen und Kinder gespannt das packende Rennen. Wie im Konsolenspiel „Grand Theft Auto“ (GTA) von Rockstar Games. Nur real life…

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Das luxuriöse Resort Finca del Olmo, zu dem die Rennstrecke gehört, besteht seit 400 Jahren. Juanma Giménez ist hier der Herr über 800 Hektar Land, die Bodega Valle del Carche, das rustikale Gästehaus, das feudale Restaurant, die Jagdpacht und eine Garage voller Luxuskarossen der Marken Ferrari und Porsche, neben Go-Karts, Buggies und Geländewagen. Der schnauzbärtige Spanier aus Murcia steht in der Kantine und fachsimpelt mit den Jungs vom Automobilclub über die beste Technik beim Driften. Das korrekte in die Kurve-Hinein-Rutschen. Die geeigneten Reifenprofile. Das gänzliche andere Fahrverhalten beim „Slide“ mit Frontantrieb im Vergleich zum Übersteuern bei Hinterradantrieb. Die Unterschiede zwischen Schaltgetriebe und Automatik. Sowie die Bedeutung von mehr oder weniger verfügbarer Motorkraft: „Auch schon mit nur 200 PS“, schmunzelt Giménez, „kann man ganz nette Dinge anstellen!“

Driften als Erfindung “Made in Japan”

Die Entstehung des Driftens als Motorsportart geht auf die 80-er Jahre zurück. Japanische Tourenwagenfahrer nutzten die Schleudertechnik, um sich bei Rennen Vorteile zu verschaffen. Inspiriert davon produzierte der Japaner Keiichi Tsuchiya ein Video namens „Pluspy“, in dem er in einem Toyota Corolla auf Bergstraßen driftete. „Ich drifte nicht, weil ich so schneller um die Kurve komme“, notierte Tsuchiya, „ich drifte, weil es die spannendste Art ist.“. Bald wurden unter dem Banner der D1 Grand Prix erste Wettbewerbe in Japan ausgetragen, ab Mitte der 90-er Jahre auch in den USA. Heute hat der Sport weltweit an Popularität gewonnen. In Deutschland ist die „Internationale Drift Challenge“ (IDS) beliebt. Filme wie „The Fast and the Furious“, die die Tuner- und Driftszene inszenieren, taten ihr Übriges.

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Wahre Gänsehaut beim Zuschauen garantieren Internet-Videos frei Haus. „#Battledrift“ zum Beispiel, das Show-Rennen zwischen Vaughn Gittin im V-8 Mustang gegen Daigo Saito im Lamborghini mit 650 PS. Die beiden Drift-Legenden brettern mit aufheulenden Motoren auf regennassen Straßen die Berge, in den nächtlichen Szenen pulsieren Laserlichter, brennende Mülltonnen dienen als apokalyptisches Szenario des spektakulär gefilmten Werbespots, gesponsert von Monster Energy Drinks und gedreht mit Drohnen in einem verlassenen Dorf in Japan.

Die Rennstrecke, der „Circuito Internacional de Jumilla“, besteht seit acht Jahren, gegründet aus der Laune einer Handvoll reicher Gesellschafter der Region. Geschäftskunden von Firmen wie Volvo oder Red Bull, die auf der Rennstrecke ihre neusten Modelle präsentieren oder Stunts drehen, würden schon mal mit dem Helikopter abgeholt. Juanma Giménez selbst liebt das Driften: „Es fühlt sich an, als wenn dein Auto mit dir eins wird“, beschreibt er gelungene Schleudereskapaden durch Haarnadelkurven.

Doch den jugendlichen Draufgängern steht er skeptisch gegenüber. „Elegantes Kurvendrifting ist die eine Sache, viel Gummi zu verbrennen etwas anderes.“ Einmal im Monat öffnet er seine Strecke für die Drifter, die aus Alicante, Benidorm und Cartagena, aus Murcia und Valencia anreisen – ihre Rennautos huckepack auf Trailern. Nach jedem dieser Renntage muss er die Piste dampfstrahlen und abschrubben lassen. Der Grund? Nachfolgende Motorrad-Rennfahrer sollen auf dem schwarzen Gummieabrieb nicht wegrutschen.

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Sein eigentliches Anliegen sind Fahrsicherheitstrainings. In Wochenend-Kursen bringen Profi-Fahrer auf der Finca del Olmo ihren Kunden bei, wie man ordentliche Vollbremsungen hinlegt oder plötzlich auftauchenden Hindernissen gekonnt ausweicht. Rund 200 Euro kosten die Trainings. Er selber sei beruhigter, seitdem seine Tochter einen Perfektionskurs absolviert habe. Man beherrsche sein Fahrzeug viel sicherer, wenn man extreme Situationen im Auto einmal durchexerziert hat. „90 Prozent der Autofahrer“, sagt Juanma Giménez, „wissen nicht einmal, wie man richtig bremst.“

Lubomir Hristov verspricht sich vom „Club Automovilismo Torrevieja“ eine Reihe von abwechslungsreichen Events. Beliebt, sagt er, seien auch die Oldtimer-Rallys. „Nirgendwo in Spanien“, sagt der Autoliebhaber, „gibt es eine so große Konzentration klassischer Autos“. Eine Folge des spanischen Bürgerkrieges: Auf der Flucht vor General Franco hätten viele Republikaner ihre Autos im Hafen von Alicante zurückgelassen, bevor sie sich an Bord von Passagierdampfern im Ausland in Sicherheit brachten.

Irgendwann geht die Sonne hinter den Bergen von Jumilla unter. Ein leichter Abendwind kühlt die Haut. Lubomir und Gorka bocken ein letztes Mal ihre Autos auf. Neue Hinterräder werden montiert. Am Ende dieses heißen Renntages werden sie rund 50 Pistenrunden absolviert und zwei Dutzend Reifen zerschlissen haben. Kein Tropfen Benzin ist mehr im Tank.

Die Drifter sind geschafft. Ziemlich am Ende, aber glücklich.

Und high auf Adrenalin!

 

Info:

Club Automovilismo Torrevieja (CAT), Jahresbeitrag 60 Euro, E-Mail: clubautomovilismotorrevieja@gmail.com.

Circuito Internacional de Jumilla, Finca del Olmo Resort, Internet: www.circuitointernacionaldejumilla.com, Tel. 650 760 732.

DAS Video zum Thema: Battledrift

 

Drift Event

 

 

 

 

 

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