Vom “weißen Gold” der Costa Blanca

Salz aus Torrevieja ist begehrt in der ganzen Welt

Michael Allhoff (Text & Photos)

Salz ist das Gewürz, dank dessen Torrevieja groß geworden ist. Über Jahrhunderte bestimmte die Förderung von Salz aus der Saline – neben dem Fischfang  – den Alltag der einheimischen Torrevejenses. Eine riesige Flotte von Windjammern transportierten dereinst das weiße Gold der Costa Blanca in die Neue Welt – nach Kuba, in die Karibik. Heute noch werden 800.000 Tonnen im Jahr gewonnen und für Streusalz und industrielle Nutzung in ganz Europa und in den USA und Japan nachgefragt. Seit diesem Sommer lassen sich die Salinen erstmals auch als Tourist besuchen…

An den Ufern der Saline von Torrevieja gedeihen salzliebender Gänsefuß und rostbraunes Binsenkraut. Strandflieder blüht im Frühling prächtig Gelb und Apricot. Rosafarbene Flamingos heben sich ab vor dem Braun der Halbwüste, die von Salzkristallen gesprenkelt ist wie von einer Schicht Meerestau.

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Salzförderung in der Saline von Torrevieja, Costa Blanca. Photo: Michael Allhoff

Über das Deck der Ernteplattform für Salz inmitten der purpurviolett schimmernden Lagune von Torrevieja faucht der Levante-Wind. Auf dem Wasser der nur etwa anderthalb Meter tiefen Lagune kräuseln sich die Wellen. Salzige Gischt weht über die rostigePlattform. Es ist kein guter Tag für Juan Manuel Costa: „Es ist verdammt schwierig, die Plattform auf Kurs zu halten“, stöhnt der Steuermann.

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In Schiffsloren wird das frisch aus der Lagune gewonnene Salz zum Verladehafen tranportiert.

Mit zwei Joysticks steuert der erfahrene Pilot die beiden Raupenketten, mit denen er die Ernteplattform über den See navigieren kann. Eine drei Meter lange Stahlklinge kratzt während der Fahrt die etwa armdicke Salzschicht vom Grund der Saline von Torrevieja.

Im Zickzack-Kurs über die Saline

Es riecht nach Moder, Schlick und Fäulnis. Dieselmotoren treiben das Förderband an, auf dem die grauen Salzkristalle zu Tage gefördert werden. Juan Manuel muss die Plattform auf Kurs halten und gleichzeitig ständig neu die Klinge in der Höhe justieren, während er die Plattform mit drei Stundenkilometern Fahrt im Schleichgang und auf Zickzackkurs über die Saline lenkt: „Ein paar Zentimeter zu tief, dann kratze ich den Schlamm hoch, ein paar Zentimeter zu hoch, dann geht uns ein Teil der Salzkruste verloren, die sich auf dem Grund der Saline auskristallisiert hat…“

Weifl wie Schnee die Salzkristalle der lagune
Weifl wie Schnee: Gewaschene Salzkristalle aus der Lagune von Torrevieja.

Seine ganze Konzentration gilt dem Computerbildschirm des satellitengestützten GPS-Systems an Bord. Alle 30 Sekunden werden die Daten aus dem All aktualisiert. Auf dem Bildschirm zeigen blaue Bahnen zentimetergenau an, wo die Maschine das Salz vom Seegrund bereits abgeerntet hat. Für den spektakulären Panoramablick hat Juan Manuel Costa keine Zeit – 360 Grad rundum auf die Skyline von Torrevieja, auf San Miguel de Salinas im Süden, Los Montesinos landeinwärts und Ciudad Quesada am nördlichen Horizont sowie Chaparral, die Landenge zwischen der Lagune von La Mata und der Saline von Torrevieja.

NCAST fördert für den internationalen Markt

Der Salzarbeiter wirkt zufrieden mit dem Ablauf der Salzgewinnung. „Die Ernteplattform läuft in drei Schichten, 24 Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, bis Samstags früh um fünf Uhr morgens“, erklärt er. Der Torrevejense arbeitet für die Nueva Compañía Arrendataria de las Salinas de Torrevieja, kurz NCAST, einem Tochterunternehmen des französischen Mutterkonzerns Salins de Midi. Die Firma betreibt auch Salinen in der Camargue, in Tunesien und in den USA.

„Ohne die Gewinnung von Salz wäre die Lagune von Torrevieja im Lauf der letzten hundert Jahre längst ausgetrocknet“, sagt der Stadtbiologe Juan Pujol. Der Grund? „Die Saline wäre verlandet, aufgrund der Erde, die von den Regenfällen in die Senke geschwemmt wird.“ Die Salzproduktion aus der Saline von Torrevieja, das ist auch eine geglückte Symbiose: Industrielle Produktion und der Naturschutz der Lagune gehen im Fall der Salzgewinnung in Torrevieja Hand in Hand.

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Kaum eine Viertelstunde ist vergangen, da ist wieder ein Konvoi aus zwölf Schaluppen voll beladen mit rund 80 Tonnen triefend nassen Salzkristallen. Als „tren“ (span.: Zug) werden die Boote im Slang der Salzarbeiter bezeichnet. Zwölf „trenes“ in Reihe vertäut bilden einen „rache“, einen Konvoi. Und jeder der insgesamt sechs Schiffskonvois wird von Motorbooten mit Schaufelradantrieb über die Lagune geschleppt, im stetigen Kreisverkehr zwischen der schwimmenden Ernteplattform draußen auf der Saline See und dem Entladehafen am Stadtrand von Torrevieja. Rund um die Uhr, bei Tag, bei Nacht.

“270 Gramm Salz je Liter Wasser”

„Nur einen Millimeter Tag für Tag wächst die Dicke der Salzkruste am Grund der Lagune“, erklärt Schichtführer Miguel Pérez während der Rückfahrt zum Entladehafen vor der Kulisse der mächtigen, etwa 50 Meter hohen Salzberge. Er muss gegen das laute Dröhnen des Schiffsdiesels anbrüllen. Sobald der Salzgehalt der Lagune eine ausreichende Konzentration erreicht habe – „etwa 270 Gramm Salz pro Liter Wasser“ – kristallisiere das Salz aus und sinke zu Boden. „Wir ernten einen Großteil des Salzes in den Sommermonaten Juli und August“, berichtet der Salzarbeiter. Vorher, im Mai und im Juni, werde frisches Meerwasser aus der benachbarten Lagune von La Mata über den Verbindungskanal in die Lagune von Torrevieja gepumpt – „damit der Wasserspiegel der Saline nicht wegen der Verdunstung zu sehr sinkt.“

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In den Werkshallen jenseits der Nationalstraße N-332 wird das Salz gewaschen, mit 70 Grad heißer Luft getrocknet, gemahlen und abgepackt – in Säcke à 25 Kilo, palettenweise gestapelt. Oder in Big Bags mit einem Fassungsvermögen von je 1.200 Kilo.

Die Meersalzgewinnung in Torrevieja ist auf ihre Art weltweit einzigartig

Anders als in den Salzgärten der Camargue oder der Bretagne und anders auch als in den weltgrößten Salinen der mexikanischen Halbinsel Baja California wird die Salzkruste nicht trocken, sondern unter Wasser geerntet. 500.000 Tonnen Speisesalz und etwa 300.000 Tonnen Industriesalz gewinnt die NCAST auf diese Weise im Jahr. Und exportiert etwa die Hälfte der Produktion nach Skandinavien – in Schiffsladungen von jeweils bis zu 30.000 Tonnen Streusalz.

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Immer wenn ein neuer Frachter an der Salzmole, dem Muelle de la Sal, von Torrevieja andockt, dauert es nur etwa neun Stunden, bis das Schiff beladen ist und wieder ablegen kann. Auf dem Fließband rattern dann 500 Tonnen Salz pro Stunde in den Bauch der stählernen Giganten. Mit dem Salz aus Torrevieja werden in Dänemark, Norwegen, Schweden und Kanada Straßen gestreut. Auch Fischer aus Nordeuropa pökeln ihren Fisch mit dem weißen Gold der Costa Blanca.

Als Speisesalz steht es in den Regalen von Supermarktketten.

Andere Großabnehmer benötigen tonnenweise Salz aus Torrevieja, um Oliven einzulagern. Angesichts des hohen Kalkgehalts im Wasser dienen Tabletten aus gepresstem Natriumchlorid dazu, das Wasser weicher zu machen. Aqua Duxion, Resimax und Regenia Pro heißen drei Produkte der französischen Mutterfirma Salins, die im Handel gefragt sind.

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Historische Salzernte: Knietief in der Lagune stehend schürften die “salineros” das weiße Gold der Costa Blanca. Photos: Archivos Darblade

Seitdem die Salinen 1841 vom spanischen Staat das erste Mal verpachtet worden sind, an den Finanzier José de Salamanca, hat sich der Prozess der Salzgewinnung zunehmend automatisiert. „Salz ist Arbeit“, sagt José Rodríguez Gas, Vorsitzender der Vereinigung der Salinenarbeiter von Torrevieja. Sonne und Salz, das harte Tagwerk vieler Generationen – jede der alteingesessenen Familien der heute noch rund 10.000 Torrevejenses hatte einen oder mehrere Familienangehörige, die in den Salinen gearbeitet haben. Salz ist seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen von Torrevieja.

JosÈ Rodriguez Gas ist Vorsitzender der Vereinigung Grupo Salinas
JosÈ Rodriguez Gas, langjähriger Vorsitzender der Vereinigung Grupo Salinas.

„Als mein Großvater um die Jahrhundertwende in die Salinen ging“, erinnert sich José Rodríguez, genannt „El Caja“, „waren 1.500 Arbeiter dort beschäftigt.“ Das damalige Fischer- und Salinendorf hat vom Salz gelebt. „Als mein Vater in den Salinen tätig war, waren es immerhin noch 450 Salzarbeiter.“ Seitdem das Förderband 1983 in Betrieb ge-nommen worden ist, seien es heute noch 100 Arbeiter.“ Ein Vierteljahrhundert lang hat „El Caja“ in den Salinen gearbeitet. Seit Jahren ist er pensioniert. Heute organisiert der alte „salinero“ historische Ausstellungen zur Salinenindustrie und pflegt das Archiv vergilbter Fotos.

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Der Verladehafen Eras de la Sal: In Ruderbooten wurde das Salz zu den Winjammern gebracht, die auf Reede warteten. Last Destination: Die Karibik. Photo: Archivos Darblade

Es war eine andere Zeit, als Torrevieja allein vom Fischfang und der Salzgewinnung aus den Salinen lebte. „Im Sommer, wenn das Salz geerntet wurde“, erzählt José Rodríguez, „da kamen Tagelöhner sogar aus San Miguel de Salinas und Los Montesinos zu Fuß nach Torrevieja, um sich ein paar Peseten im Salzabbau zu verdienen.“

Verschiffung des Salzes um 1900
Verschiffung des Salzes um 1900

Wer eine “chapa” ergatterte, durfte als Tagelöhner in der Saline arbeiten…

Morgens bei Sonnenaufgang versammelten sich die Arbeiter, ob Fischer oder Bauern, auf dem Holzsteg der Eras de la Sal, der heute als Nachbau frisch renoviert eine malerische Kulisse für die Habaneras-Konzerte bietet. „Dann warf der Kapitän eine Anzahl Bierdeckel in die Menge“, erinnert sich Rodríguez, „und wer eine der ,chapas‘ ergattert hatte, durfte als Tagelöhner an diesem Tag Salz entladen.“

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Im Winter holen Lastwagen Salz für den spanischen Norden – als Streusalz.

„De sol a sol“ – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerte der Arbeitstag. Der Lohn? 160 Peseten, umgerechnet heute ein Euro. Es waren die Hungerjahre Torreviejas zu einerZeit, als das Dorf an der südlichen Costa Blanca kaum 10.000 Einwohner zählte. Allein, wer eine feste Anstellung in den Salinen hatte, konnte sicher sein, dass er das ganze Jahr über in Lohn und Brot stand. Wenn ein Fischer eine Nacht zu wenig im Netz hatte, reihte er sich auch morgens in die Schlange der wartenden Tagelöhner ein – „a coger chapa“.

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Die rosarote Farbe der Saline ist das Resultat der hohen Konzentration von Artemia Salina, einem millimetergoßen Flußkrebs, einer beliebten Nahrung der Flamingos.

Das Salz ist damals auf Waggons über den Schienenstrang bis zum Verladesteg am Strand Los Náufragos gekarrt worden, gezogen von Maultieren. Dann mussten die Arbeiter das Salz in die wartenden Boote mit Lateinersegeln schaufeln, die den Transport zu dem Dampfschiff auf dem Meer übernahmen, das wegen des Tiefgangs auf der Reede lag.

Wellness, Salzbad und Schlammpackung in der lagune von Torrevieja
Wellness, Salzbad und Schlammpackung in der Lagune von Torrevieja.

Die Zukunft der Salinenindustrie ist gesichert. Und seit diesem Sommer haben sich die Salinen auch dem breiten Publikum geöffnet. Fast stündlich verkehrt die Bimmelbahn, der so genannte „trencito“, vom Hippie-Markt am Paseo Vistalegre zu den Salinen. Weiß wie Schnee: Auf einem Stopp dort können die Besucher die Salzberge von ganz nah bestaunen. Der historische Haupterwerb Torreviejas ist in der lukrativen Gegenwart angekommen – dem Tourismus.

 

#Torrevieja #CostaBlanca #ComunidadValenciana #Spain

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