Der zwölfte Tag

Auf den Spuren einer verlorenen Leichtigkeit des Seins

Ich fahre durch eine kafkaeske Stadt. Torrevieja zählt 100.000 Einwohner, doch ich sehe kaum einen Menschen auf der Straße. Die Strände – die Playa del Cura, die Playa de los Náufragos, die Playa La Mata, sonst vor Ostern mit roten, gelben, blauweißen Sonnenschirmen bunt gesprenkelt -, sie sind total verwaist. Nur ab und an kommt mir ein Auto entgegen. Es ist ein sonniger Morgen im März. Es ist Tag zwölf nach Erklärung des Notstands in Spanien. Tag 15 der so genannten Pandemie…

Stopp in einer Straßensperre der Guardia Civil. Zur Rechten brandet das Meer wie gestern schon und morgen wieder an die Küste. „A donde va?“ Wo fahren Sie hin? „Zur Bank“, sage ich. Er lächelt freundlich, als ich seine Arbeit anerkenne: Die Ausgangssperre in Spanien möge hilfreich sein, um frühzeitig viele Infektionsketten zu unterbrechen. Dass in Deutschland erst Wochen später eine Kontaktsperre verhängt worden ist, der Guardia Civil schüttelt ob dessen verständnislos den Kopf.

Der Polizist trägt keinen Mundschutz. Das macht mir den Mann sympathisch. Die Masken bieten vor keinem Virus Sicherheit. Sie schützen nur die anderen vor einer Tröpfcheninfektion, dann, wenn du selbst erkrankt bist, hustest oder niest. Ob im Supermarkt oder der Apotheke – die OP-Masken wirken schier postapokalyptisch.

Ich fahre weiter durch eine ausgestorbene Stadt. Auf der Plaza de la Constitución ist der Churros-Stand verrammelt. Das gelbe Schaukelpferd steht still. Kein Mensch ist auf dem Rathausplatz zu sehen. Hier saßen sie immer, die Alten und die Mütter mit ihren kleinen Kindern…

Auf der Hauptstraße stehen nur wenige Autos am Straßenrand, wie abgestellt und vergessen. Diese unheimliche Stille, ich kann sie schier hören: Sie klingt laut in den Ohren, unangenehm laut. Ungeachtet diese warmen Frühlingswetters – mir fröstelt.

Die Palmen am Strand wiegen sich im sanften Frühlingswind. Die Sonne strahlt gleißend hernieder. Der Himmel ist wolkenlos blau. Das glitzernde Mittelmeer blendet die Augen. Der betörend süßliche Duft der Apfelsinenblüte kitzelt mich in der Nase. Alles ist wie immer; aber alles wirkt surreal, weil der Mensch nicht da ist.

Nur im Supermarkt begegnen sie mir noch – die anderem Menschen. Aber nicht wie eh und je: freundlich, aufgeschlossen, lebensfroh, wie Spanier meist sind. Sie huschen an mir vorbei wie Zombies. Bei der Fischtheke. Vor der Gemüseauslage und in den Gängen mit den noch prallvoll aufgefüllten Regalen. Jeder ist ängstlich auf Abstand bedacht, so als hätte ich die Pest auf meiner Stirn graviert. Ihre scheelen Blicke aus den Augenwinkeln nerven mich.

Diese knisternde Spannung, dieses Misstrauen, man möge ihnen ja nicht zu nahe kommen, macht mich wütend. Ich gehe nicht mehr gerne einkaufen. Und ahne, dass ich mich nach diesen Tagen der gesicherten Versorgung noch zurücksehnen werde. Auf Facebook hat das Rathaus heute einen Info-Flyer gepostet: „Einkaufen für den Haushalt in Quarantäne“.

An der Kasse der Showdown. Die Kassiererin hat ihre Hände in blaue Latexhandschuhe gehüllt, wie sie sonst nur Krankenhausschwestern oder Laborassistenten tragen. Ein Plexiglas-Schild-Schild schirmt sie vor den Kunden ab. Mit weit ausgestrecktem Arm blättert sie mir die Scheine in die Hand. Das Geld scheint sie zu ekeln, es könnte wohl verseucht sein. Im Internet, erinnere ich mich, hatte ein Bekannter aus Berlin gepostet, die Regierung der Neuen Weltordnung wolle Bargeld abschaffen. Sicher nur wieder eine weitere Verschwörungstheorie…

© Michael Allhoff

(Fortsetzung folgt)

One thought on “Der zwölfte Tag

  1. Danke, dieser Artikel beschreibt unsere jetzige Lage haargenau!!!!! „ Das glitzernde Meer“… die Sehnsucht nach angstfreier Normalität!

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