Auf den Spuren einer verlorenen Zeit

Im Hochland des kolonialen Mexikos: Ein alter Mann pflanzt einen Nopal-Kaktus. Foto: Michael Allhoff

Der 12. Oktober ist der Nationalfeiertag Spaniens. Das Datum erinnert an die Ankunft von Kolumbus in der “Neuen Welt” vor über 500 Jahren. Spanien schwang sich nach 1492 mit seinem Kolonialreich auf zu einer der führenden Mächte der Welt. Der Nationalfeiertag hieß einst Día de la Raza, seit 1987 #DíadelaHispanidad. Für Millionen von Menschen in Mexiko, Mittelamerika und Lateinamerika erinnert dieser Tag auch an die Zerstörung indigener Kulturen wie die Inkas, Maya, Mapuche und Azteken und die Ausbeutung der Gold- und Silberschätze durch die spanischen Konquistadoren in Übersee. Die moderne Hispanität gründet auf einer kulturellen Verbindung, die sich in der Sprache, dem Castellano, ausdrückt sowie in privilegierten Handelsbeziehungen.

Als Hernan Cortés im Jahr 1519 Mexico-Tenochtitlán sah, schwärmte er: „Diese Stadt ist so groß und so schön, dass ich über sie kaum die Hälfte von dem sagen werde, was ich sagen könnte, und selbst dieses wenige ist fast unglaublich, ist sie doch schöner als Granada.“

Vor der Kulisse der schneebedeckten Vulkane Popocatépetl und Ixtaccíhuatl erstreckte sich die antike Hauptstadt der Azteken auf Inseln und schwimmenden Gärten im Texcoco-See wie ein indianisches Venedig.

Eine Gedenktafel am Platz der Drei Kulturen erinnert in einfachen, bewegenden Worten an die Eroberung Mexikos durch die spanischen Konquistadoren: „Am 13. August 1521 fiel Tlatelolco, heldenhaft verteidigt von Cuauhtémoc, in die Hände von Hernan Cortés. Es war weder ein Triumph noch eine Niederlage, es war die schmerzhafte Geburt der Mestizo-Nation, die das Mexiko von heute verkörpert.“

Sonntagnachmittag auf dem Zócalo von Ciudad de México. Auf dem Hauptplatz der ältesten lebendigen Metropole der Neuen Welt, errichtet auf den Ruinen Tenochtitláns, nimmt das Leben seinen Lauf wie gestern schon und morgen wieder – heiter und hart, leidend und leidenschaftlich, voller Licht und voller Schatten. Jeden Morgen wird hier die grün-weiß-rote Fahne der Vereinigten Mexikanischen Staaten gehißt, allabendlich wird sie eingeholt – es ist ein tägliches Ritual von Anfang und Ende.

Im Schatten der Arkaden verkaufen fliegende Händler Lederwaren, Luftballons und Silberschmuck. Vor dem Nationalpalast, Amtssitz des mexikanischen Präsidenten, spielen und lachen Kinder. Indianischer Stolz in den Gesichtern der Mexikaneroffenbart ihre Blutsverwandschaft mit den Ureinwohnern Mexikos – den Azteken, die sich selbst Mexica nannten, den Mixteken, Olmeken, Maya und Huichol. 

Mexiko-Stadt. Die Größte. Ein turbulentes Chaos in 2.240 Metern Meereshöhe. Ein rastloser Moloch auf der Fläche von der doppelten Größe Berlins. Wir sitzen bei Sonnenuntergang im Aussichts-Café der Torre Latinoamericana, 42 Stockwerke hoch über diesem schier unendlich gleissenden Lichterreigen. Tief unten braust der Verkehr. Dann verglüht der Himmel scharlachrot im dämmrigen Dunst der Abgase. 

Der Weg aus Mexiko-Stadt hinaus führt auf gut ausgebauten Autobahnen und Landstraßen durch sanfthügelige Landschaften, vorbei an Feldern mit Mais, Hirse und Kürbissen, gesprenkelt von Nopal-Kakteen. Sonnenaufgang in Teotihuacán. Die Nacht ist vorbei, der Tag hat noch nicht begonnen. Teotihuacán, wenige Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt, war lange vor Tenochtitlán die bedeutendste Machtmetropole Mesoamerikas. Versunken im Schweigen des ersten Lichts schimmert die Silhouette der uralten Tempelstadt durch rosablaße Nebelschleier. Der Tempel des Jaguars. Die Mondpyramide. Die ehrfurchtsgebietende Sonnenpyramide. Der Tempel des Quetzalcóatl, der Urgottheit des indianischen Universums. Verwaist wie seit Jahrhunderten ragt Teotihuacán als steinerner Zeuge einer mysteriösen Hochkultur aus verlorenen Zeiten in unsere Gegenwart.

Das zentralmexikanische Hochland in 2000 Metern Meereshöhe umfaßt zwar nur ein Zehntel der Fläche ganz Mexikos, doch hier leben im Klima eines ewigen Frühlings die Hälfte aller 95 Millionen Mexikaner. 

Es ist das Herz des alten Mexiko. Eine fruchtbare Kornkammer, seit Jahrtausenden kultiviert. Und die Schatzschatulle Mexikos. Hier, an den Fundorten ertragreicher Silberadern, gründeten die spanischen Siedler ihre prachtvollsten Kolonialstädte. 

Satt brummend schnurrt unser BMW 525i über die Straße, die sich in Serpentinen durch die Berge schlängelt. Der Motor dreht beim Überholen sekundenschnell auf 7000 Umdrehungen, drückt uns in die Ledersitze, zieht kraftvoll nach vorn. Das sportliche Fahrwerk federt jeden Buckel im Asphalt ab. 

Angekommen in San Miguel de Allende. Die herrschaftlichen Fassaden der kolonialen Stadtpaläste mit ihren schmiedeeisernen Balkonen sind getüncht in Ochsenblutrot, Altrosa, Lindgrün. Gassen aus Kopfsteinpflaster erklimmen steil den Berg. Die Zeit scheint hier vor Jahrhunderten stehengeblieben zu sein. Das koloniale Mexiko gleicht einem blumengeschmückten Patio, parfümiert mit einem Hauch von Melancholie.

Der Hauptplatz von San Miguel de Allende heißt nicht Zócalo, sondern El Jardín – der Garten. Im Schatten der Bäume plätschern Springbrunnen. Tauben gurren. Auf den Parkbänken sitzen Jung und Alt, versunken in Gesprächen. Indio-Frauen in farbenfrohen Umhängen balancieren Körbe mit Blumen auf dem Kopf. Schuhputzer warten würdevoll und gelassen auf Kundschaft, als wäre das ganze Leben ein langer, nicht endenwollender Sonntagnachmittag. 

Guanajato, 50 Kilometer westlich von San Miguel Allende. Die Kolonialstadt, gegründet 1554, förderte über Jahrhunderte hinweg nahezu die Hälfte des weltweiten Silbers. Man muß nur die Kirche La Valenciana besichtigen, um sich ein Bild von der verschwenderischen Pracht dieses kolonialen Kleinods zu machen. Errichtet im typisch mexikanischen churrigueresco-Stil – einem verspielten Barock, vermischt mit indianischer Ornamentik – thront das Gotteshaus über Guanajato. Ihre Rokkoko-Altäre mit filigran verschlungenen Säulen, Kuppeln, Nischen und Erkern sind ganz und gar mit Blattgold überzogen und erstrahlen im Sonnenlicht wie in ein funkelndes Kaleidoskop.

Mexikaner heiraten gern in Guanajato, dieser einzigartig romantischen Universitätsstadt. Und nirgendwo anders in Mexiko scheinen abends so viele Liebespärchen unterwegs zu sein – händchenhaltend, eng umschlungen. Callejonear nennen die Einwohner ihr zielloses, gelassenes Flanieren durch koloniale Winkel und schulterbreiten Gassen. 

In der feierlich illuminierten Basilika an der Plaza de la Paz, dem Platz des Friedens, schwebt ein getragenes „Ave Maria“ , brandet gegen den Altar, hallt wider in der Kirchenkuppel. Der weltweit renommierte Kammerchor „Exaudi“ aus Havanna singt barocke Kantaten der Neuen Welt. Ein phantastisches Konzert unter Schirmherrschaft der UNESCO. 

Die Straße hat uns wieder. Schnurgerade zieht sich das Asphaltband in der Wüstenweite von San Luis Potosí zum Horizont. Millionen von Kakteen ragen in der kargen Hochwüste wie mächtige Kandelaber bis zu zwanzig Meter hoch in den wolkenlos blauen Himmel – mythische Stachelwesen einer Urzeit, als noch kein Mensch seinen Fuß in diesen bizarren Garten Noah gesetzt hatte.

Stopp am Straßenrand. Die Luft flirrt in der sengenden Hitze. Ein Mann pflanzt Kakteen. Er gräbt ein Loch und setzt einen neuen Nopal in die Erde – wie seine Vorfahren seit Jahrtausenden. Zur Erntezeit wird ihm der nopal süße Kaktusfrüchte liefern. Es ist eine archaische Szenerie der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine irritierende Illusion aus Gegenwart und Vergangenheit. Mexiko vereint Mittelalter  und Moderne, indio-Kultur und Coca-Cola, Sony und IBM, Wahrzeichen der dynamischen Internationalisierung. 

Nach Matehuala waren wir gefahren, dann weiter über Cedral auf einer holprigen Pflastersteinstraße bis Real de Catorce. Das Bergwerksdorf inmitten einer grenzenlosen Abgeschiedenheit thront grandios in 2.756 Metern Meereshöhe auf den kupferroten Felsen der Sierra Madre.

Tagsüber flirrt die Hitze in den Gassen der Silberstadt, die an eine baufällige Festung in rosa, blau und braun erinnert. Von den kolonialen Fassaden blättern die Farbschichten ab. Der Putz bröckelt. Kakteen wuchern über Mauern aus Adobe, als wollte sich die Wüste das Dorf zurückerobern. 

Real de Catorce boomte nach 1800 dank lukrativer Silberminen. In mexikanischer Grandezza importierten die Silberbarone Kristallüster und Louise XVI.-Möbel aus Europa. Der Opernstar Caruso trat auf im Theater der Stadt. Während die schnauzbärtigen Revolutionäre Francisco Villa und Emiliano Zapata 1910 unter dem Schlachtruf „Tierra y Libertad“ – Land und Freiheit – gegen die Herrschaft der Großgrundbesitzer antraten, verfiel Real de Catorce zur Geisterstadt. Bandidos, sagen die Alten des Dorfes, hätten den Schlupfwinkel der Sierra Madre erobert und die Bevölkerung vertrieben. Tatsächlich verfiel der Weltmarktpreis für Silber, der Bergbau war nicht mehr lukrativ.

Rund tausend Menschen leben heute wieder in Real de Catorce. Hämmern und Klopfen hallt durch die Gassen. An allen Ecken und Enden werden die wuchtigen Kolonialhäuser renoviert. Auch Hollywood hat jüngst das Dorf mit seiner magischen Atmosphäre entdeckt – als Drehort für den einfühlsam inszenierten Kino-Hit „The Mexican“.

Sie sind für jeden Reisenden eine Augenweide, die Märkte Mexikos. Auf dem Mercado Libertad, dem farbenprächtigen Bauch von Guadalajara, stapeln sich Avokados, Kürbisse und Tomaten. Goldgelbe Papayas und Wassermelonen sind zu Pyramiden getürmt. Chili-Schoten leuchten in Bastkörben. Alle Früchte und Gemüse Mexikos sind hier unter einem Dach vereint. 

Mittagessen im Restaurant „Casa Fuerte“ in Tlaquepaque, dem Künstlerviertel der Fünf-Millionen-Metropole. Auf dem Menü stehen Tortillas mit huidlacoche – einem schwarzen Maispilz, Delikatesse der Azteken. Wer es zugleich süß und scharf mag, bestellt pollo en mole poblano, Huhn in Mole. Die Sauce wird stundenlang aus über zwanzig Zutaten geköchelt: mit Kakao, fünf verschiedenen Chilis, Mandeln, Bananen, Knoblauch, Rosinen, Lorbeer und schwarzem Pfeffer. 

Guadalajara bei Nacht. Im neonbunten Musiksalon „Veracruz“ tanzen mexikanische Paare – vollendet korrekt, unnachahmlich elegant. Die Musiker, gekleidet in dunklen Trachtenanzügen mit Silberknöpfen und spitzen Stiefeln, tragen schwarze sombreros von der Größe eines Wagenrades. Mit ihren Trompeten, stimmungsvollen Geigen und sehnsuchtsvollen Serenaden gründeten sich die Mariachis im Guadalajara des 18. Jahrhunderts. Heute sind ihre Balladen von Liebe und Leidenschaft in ganz Mexiko verbreitet.

In den Diskotheken der Vorstadt Zapopan treffen sich derweil Viehtreiber und Bauern. Im Takt mexikanischer Rockmusik wogt ein Meer aus Hüten auf der Tanzfläche. Neben der Bar rotiert der hydraulische Rodeo-Bulle. Ein Ritt kostet fünf Pesos und dauert selten länger als wenige Sekunden. Dann schleudert es wieder einen der gestiefelten machos kopfüber auf die Matte.

Morelia um Mitternacht. Fiesta der Jungfrau von Guadalupe, höchster Feiertag Mexikos. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Auf der plaza vor der Kirche duftet es nach tortillas, Maisfladen, buñuelos, in Fett gebackenen Teigwaren, tamales, Maistaschen, nach Zuckerwatte und glasierten Bratäpfeln. Musik mit Trompeten und Violinen erfüllt die laue Nachtluft. 

Schritt für Schritt zieht die Prozession der Pilger in die Kirche ein, Familien mit ihren Kindern, indígenas der Purépecha in ihren blumenbestickten Trachten, Junge und Alte.

Im Inneren der Kirche – ausgeschmückt im ganzen Pomp und Prunk des mexikanischen Katholizismus – werden wir überwältigt von einem ekstatischen Farbenrausch aus Maisgelb, Agavengrün, Blutrot. Rosetten und Lilien sind durchwirkt von einem Mosaik vergoldeter, maurisch inspirierter Reliefs.

Hinter dem Altar, auf einem Flammenmeer aus Sonnenblumen, blutet der gekreuzigte Jesus. Doch über seinem gequälten Antlitz und der Dornenkrone – auf einem Bett von roten Rosen, flankiert von der Fahne Mexikos – thront die dunkelhäutige Virgen, eingehüllt in ihren blauen Sternenmantel. Wie ein Symbol des Lebens, wie eine indianische Göttin der Fruchtbarkeit und des Friedens.

„Viva la morenita!“ rufen die Menschen im Chor, „Viva!“ La morenita – die Dunkle – ist der mexikanische Kosename für die schwarze Marienfigur. Und möglicherweise erfüllt ihnen diese schwarze Mutter Gottes ja tatsächlich eher ihr Gebet um das tägliche Brot als der leidende Christus am Kreuz.

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