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Mit Kutten und Kapuzen

Zwischen Andacht und Übermut: Impressionen der „Semana Santa“ in Orihuela

Schlagartig erlöschen alle Lichter der Altstadt von Orihuela. Es ist ganz dunkel. Dicht an dicht gedrängt wartet die Menge der Menschen auf der Plaza de Santiago auf den Beginn der Schweigeprozession – erregt, gebannt, andächtig schweigend. Die „procesión del silencio“ , die Schweigeprozession in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, stellt einen der Höhepunkte der festlichen Karwoche der Bischofsstadt Orihuela dar.

Dann, mit dem ersten Glockenschlag um 23 Uhr, öffnen sich die Tore der Kirche Santiago Mayor. Hunderte von Büßern der Hermandad del Silencio, der Bruderschaft des Schweigens – gekleidet in langen schwarzen Kutten, ihre Gesichter verhüllt unter Mönchskapuzen, schreiten aus dem Inneren der spärlich beleuchteten Kirche.

Allen voran trägt ein Bruder der Hermandad del Silencio, begründet 1940, das silberbeschlagene Insignienkreuz der „cofradia“. Die Bruderschaft vereint heute 850 Mitglieder, von denen jedes Jahr rund 400 Kapuzenträger an der Prozession teilnehmen. Ein tiefer, lang anhaltender Hornton kündigt vom Auftakt des religiösen Feier zu Ehren des Cristo del Consuelo, dem Christus des Trostes.

Es ist ein ganz schlichter Schrein, dieser „Paso“ der Hermandad del Silencio mit seiner dornengekrönten Christusfigur, den die „costaleros“ als Altarbild durch die Straßen tragen, einzig geschmückt von wenigen lilafarbenen Blumen zu Füssen der Reliquie. Anders als bei den meisten anderen Kruzifixen sind nicht die Initialen INRI als Kreuzestitel abgebildet, sondern der Satz Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – Jesus der Nazoräer, der König der Juden – steht in Aramäisch, Lateinisch und Griechisch auf der Holztafel oben am Kreuz. Es ist der Satz, den Pontius Pilatus als Rechtsgrund des Todesurteils anbringen ließ, um Jesus öffentlich zu demütigen. Die Kreuzigung beruhte auf dem vom römischen Kaiser Augustus erlassenen Majestätsgesetz, demnach der Anspruch auf eine Königswürde in römischen Provinzen ohne kaiserliche Erlaubnis als Aufruhr galt. 

Auf der Schulter tragen die Büßer, „penitentes“ genannt, handgezimmerte Kreuze aus Holz, manch eines davon bis zu 50 Kilo schwer, zwei Stunden lang. Einige Büßer gehen barfuß. Der Platz ist nur vom flackernden Kerzenschein ihrer Laternen beleuchtet. Wenn dann aus dem ehrfürchtigen Schweigen vor dem Rathaus Orihuelas das schier unendlich getragene „Santo“ aus dem Kreis der „Cantores de la Pasión“ erschallt; wenn die Passionssinger mit ihren kehligen Baritonstimmen inbrünstig die Kreuzigung Jesu flankiert von Dieben auf dem Berg Golgatha beklagen; wenn die Büßer unter der Last ihrer Kreuze vor Anstrengung zu wanken beginnen und man Zeuge wird, wie vielen Zuschauern überwältigt von einem unerklärlichen Gefühl der Trauer und der Anteilnahme die Tränen in die Augen treten und über die Wangen laufen, dann spätestens ist man ganz angekommen in der so ursprünglichen spanischen Semana Santa, diesem mitreißenden religiösen Volksfest, das sich so ekstatisch wie magisch und mysteriös zugleich offenbart.

Ob bei der Prozession des Pasos „La Negación de San Pedro“ (Verleugnung des Petrus; „Nein! Den kenne ich nicht!“) oder angesichts der Prozession der „Hermandad Penitencial del Santísimo Cristo de la Buena Muerte“ (Bußbrüderschaft des Heiligen Christus des Wahren Todes) nachts um zwei Uhr morgens an Karfreitag, während der über fünf Stunden währenden „Procesión General de la Pasión“ am Karfreitag um 19 Uhr, an der alle 24 Bruderschaften Orihuelas mit über 4.000 Brüdern teilnehmen, der donnernden „Tamborada“ am Ostersonntag um zwölf Uhr, wenn mit dem gewaltigen Getöse Tausender von Trommeln die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird – ganz Orihuela wirft sich Jahr für Jahr zwischen Palmsonntag und Ostermontag begeistert in diese einzigartige Fiesta der  Semana Santa. Während der Karwoche defilieren über hundert Bandas de Música, vielköpfige Kapellen mit Pauken, Trommeln und Trompeten durch die Stadt.

Ohne Zweifel: Die Semana Santa bleibt die einzige Ausnahme, wenn spanische Männer sogar auf die TV-Übertragung eines Fußballspiels zwischen F.C. Real Madrid und dem Barca verzichten. Und stattdessen mit ihrer Familie, mit den Kindern, Opas, Omas, Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen inklusive Kleinkindern im Kinderwagen zur Osterprozession flanieren. Man grüßt freundlich rechts und links, trinkt hier und da während des Wartens auf den Beginn der Prozession einen „cafecíto“ oder eine „caña“ und hält einen Plausch mit den vielen Bekannten, die man unterwegs trifft. Auch die Jugend, aufgewachsen mit „botellónes“ und Techno-Musik, nimmt teil: Sie geht zwar nicht zur Messe, aber schaut sich durchaus gerne das Spektakel der täglichen Umzüge durch die Altstadt und entlang des Flusses Segura an. Obwohl der Geburtsort des seinerzeit revolutionären Dichters Miguel Hernández, dessen 100-jähriges Jubiläum die Stadt 2010 beging, heute über 87.000 Einwohner zählt – Orihuela hat sich seine dörflichen Strukturen zu Bewahren gewusst.

Viele Familien in Orihuela geben ein Vermögen aus für die Ausstaffierung zur Semana Santa und die Finanzierung der “tronos”, der Schreine, die bis zu 300.000 Euro teuer sind. Denn nur selten geht es so schlicht zu wie bei der Schweigeprozession der Büßer am Gründonnerstag. Vornehmlich tragen die Brüder farbenprächtige Uniformen, nachgebildete Rüstungen der Römer, Lederwams und Samthosen, dazu Umhänge, bestickt mit Gold. „Die Uniform der Prätorianer kostet bis zu 6.000 Euro“, erklärt Antonio Ballester beim Bier in der Confitería Sabi an der Plaza Nueva, einem Traditionstreff der Orihuelaner. Handwerksbetriebe wie die Schneiderei Escudero auf der anderen Seite des Segura hätten sich ganzjährig auf das Nähen der mittelalterlichen Mode spezialisiert. Die Schnittmuster sind streng vorgegeben, manche erstmals 1881 designt und somit über 120 Jahre alt.

Der 68-jährige Bogenschütze der Bruderschaft „Nuestro Padre Jesús“ trägt einen silbernen Helm, einen goldbestickten, karmesinroten Umhang, ein weißes Leinenhemd unter dem ledernen Wams und Stiefel. Knapp 1.000 Euro hat er für die Accesoires der Prozession auf den Tisch gelegt. Und während noch vor wenigen Jahren den Bruderschaften die Mitglieder ausgingen, hat sich der Trend umgekehrt. Heute müssen die Mitglieder auch für die Teilnahme an jedem Desfilée Eintritt zahlen, meist um die  40 Euro.

Für die Organisatoren ist die Semana Santa auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Jeden Abend stellen Helfer 8.500 Klappstühle für die Zuschauer auf, um Mitternacht stapeln sie die Stühle wieder zusammen. Anderthalb Stunden brauchen sie für diese Arbeit. Nur bei Regen nicht – dem Klassiker zur Osterwoche. „Ich wette, man legt die Osterwoche in den August“, flachst José Manuel Rodríguez, Wirt des Sabi, „und trotzdem regnet es gerade dann!“

Doch woher kommt die allgemein gelebte Lust am Leiden während der Osterwoche? Ricardo Canovas, gebürtiger Orihuelaner und langjähriger Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes der Stadt, führt als Grund die besondere Geschichte der Stadt an. „Orihuela besitzt 27 Kirchen und vier Klöster“, sagt der Unternehmer. Orihuela, einst Hauptstadt der römischen Provinz Aurariola und über acht Jahrhunderte Stützpunkt der Mauren, sei 1437 in den Rang einer Stadt erhoben worden und habe sich als Bischofssitz der Provinz Orihuela-Alicante die strenggläubige katholische Tradition wie kaum eine andere Stadt der Provinz Alicante bewahrt. Sein Fazit: „An der Costa Blanca dominiert Orihuela das Fest der Semana Santa.“

Die Mitgliedschaft in den Cofradías werden von Generation zu Generation weitergegeben. „Eigentlich ist jeder Orihuelaner Mitglied der einen oder anderen Bruderschaft“, sagt Ricardo Canovas. Er selbst singe die Passion. Mit dröhnender Stimme hebt der wuchtige Mann an: „Viernes Santo que dolor / Fue Cristo crucificado / alma mía, por tu amor / allá en el monte Calvario / por salvar al pecador.“ (Karfreitag, was für ein Leid, wurde Christus gekreuzigt, dort oben auf dem Kalvarienberg, weil er die Sünder retten wollte…)  Und er marschiert als römischer Prätorianer mit, als erster der Garde-Truppe, wie er stolz vermerkt, den polierten Gladiator-Helm auf dem Kopf. „Ein Original“, sagt er, ersteigert aus dem Fundus des gleichnamigen Films. Die Semana Santa, das ist auch die Inszenierung eines großartigen Bühnenspektakels, mit einer ganzen Stadt als Kulisse und allen Einwohnern als Komparsen.

Kalender der Osterprozessionen 2022 in #Orihuela:

http://www.semanasantaorihuela.com/index.php/portfolio/procesiones

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